Was wäre, wenn ...?
Modell: Suborbitalgleiter X-3 Pegasus
Gebaut von: Roland Sachsenhofer
Maßstab: 1/72
Verwendeter Bausatz: Takom (5018)
Eugen Sänger, ein Ingenieur mit österreichischen Wurzeln, propagierte ab den Dreißigerjahren ein gemeinsam mit seiner Partnerin Irene Bredt entwickeltes Konzept für ein vollkommen neuartiges Fahrzeug: dem Orbitalgleiter. In der Sprache ihrer Zeit versuchten die beiden ihren Raumgleiter als „Antipodenfahrzeug“ oder, als die Zeichen offen auf Krieg standen, als „Antipodenbomber“ zu vermarkten. Tatsächlich fanden die Berechnungen zu diesem futuristischen Interkontinentalbomber bei der deutschen Führung genug Echo und Interesse, dass bis 1942 ernsthaft an einer Verwirklichung gearbeitet worden ist. Erst als deutlich wurde, dass man von einer Realisierung noch weit entfernt war und schneller zu verwirklichende „Wunderwaffen“ greifbar wurden, gab man die Forschung an Sängers „Silbervogel“ schließlich auf.

Eugen Sängers Vision: das „Antipodenfahrzeug“
Sängers Vorstellung, wie interkontinentale Distanzen überwunden werden sollten, war tatsächlich ebenso elegant wie radikal. Seine Kalkulationen ergaben folgendes Bild: das auf rund 100 Tonnen Startgewicht berechnete Fahrzeug würde auf einem mit Feststoffraketen angetriebenem Schlitten über eine Strecke von drei Kilometern beschleunigt. An deren Ende, 11 Sekunden nach Beginn der Beschleunigung, hätte der Orbitalgleiter 500 m/s erreicht und könnte sich damit vom Startschlitten lösen. Der vereinte Schub der zu diesem Zeitpunkt schon gezündeten Flüssigstoff-Raketen im Heck sollte das Gefährt nun in eine Höhe von rund 20 Kilometer bringen, wobei die Geschwindigkeit am Ende der Raketenbrennphase 22.100 km/h erreicht haben musste. Der damit verbundene Impuls trägt den Suborbitalgleiter weiter in eine Position außerhalb der Erdatmosphäre.
Aus dieser orbitalen Höhe sollte das Gefährt nun abtauchen, um mit großer Geschwindigkeit energiesparend auf die dichter werdenden Atmosphärenschichten zu treffen und darauf zu gleiten beziehungsweise abzuspringen – wie ein auf das Wasser geworfener flacher Kieselstein – um dabei weite Entfernungen zu überwinden. War die Energie aufgebraucht, würden die Raketentriebwerke erneut feuern, um die Flugbahn des Atmosphärengleiters wieder in den Erdorbit zu heben, von wo aus sich dieser Zyklus wiederholen ließe. Auf diese Weise „hüpft“ der Atmosphärengleiter in das Einsatzgebiet – und zum Schluss auch weiter zum berechneten Ort der Landung. Diese erfolgt dann in konventioneller Weise auf eigenem Fahrwerk. Auf diese Weise sollten sich Reichweiten von zumindest 20.000 Kilometern verwirklichen lassen.
Der Keldysh-Suborbitalbomber
Auf sowjetischer Seite sollte Sängers Konzept nach 1945 noch einmal aufleben: Stalin höchstpersönlich zeigte sich von den Versprechungen eines Suborbitalgleiters derart begeistert, dass ein eigenes Forschungslabor zur Verwirklichung des Sänger-Orbitalgleiterkonzepts eingerichtet wurde. Dieses stand unter der Leitung von Mstislav Keldysh, eines renommierten Mathematikers und Raumfahrttheoretikers, der zu Sängers reinem Raketenantrieb noch zwei Staustrahltriebwerk an den Flächenenden des „Antipodenbombers“ hinzufügte. Auch hier scheiterte die Verwirklichung an den Zeitumständen: Zu Beginn der Fünfzigerjahre hatten in Ost wie in West simplere Raketenkonzepte interkontinentale Reichweiten ermöglicht, sodass auch in der Sowjetunion alle Forschung an diesem ehrgeizigen Interkontinental-Raumgleiterkonzept noch vor dem Prototypenstadium eingestellt worden sind. Für daran Interessierte: ich habe parallel zum hier gezeigten Modell jenes eines fiktiven Keldysch-Suborbitalgleiters gebaut.
Das (fiktive) Projekt X-3 Pegasus
Wie wäre es nun, wenn nicht nur im Osten, sondern auch im Westen weiter an Sängers Konzept geforscht worden wäre? Das hier vorgestellte Modell eines fiktiven X-3 „Pegasus“ Suborbitalgleiters schlägt eine mögliche Antwort vor.
Als Hintergrundgeschichte wird hier angenommen, dass es der NACA mit Unterstützung der „Paperclip-boys“ rund um Dornberger und Von Braun zu Beginn der Fünfzigerjahre tatsächlich gelungen wäre, ein Sänger-Suborbitalfahrzeug zu bauen und es im Flug zu erproben. Die zahlreichen technischen Herausforderungen wurden also soweit gelöst, dass der zukunftweisende Raumgleiter in der Luft beziehungsweise im Erdorbit erprobt werden konnte!
Wieder in die Realität zurückgekehrt muss man sagen, dass Eugen Sängers Forschungen zum Orbitalflug tatsächlich nicht ohne Nachwirkungen geblieben sind. So ist etwa die von der NACA durchgeführte Flugerprobung der „lifting bodies“ M2F2/F3, X-24 und HL-10 vor diesem Hintergrund zu sehen.
Ausgesprochen nah an Sängers Konzept kommt vor allem aber das von der US-Air Force voran getriebene Konzept der (X-20) DynaSoar: dieses „dynamic soaring“ sah ebenfalls einen auf der Atmosphäre reitenden Orbitalgleiter vor. Die US-Administration stoppte das Projekt kurz vor der Realisierung, auch hier hatten die konventionellen, senkrecht startenden Interkontinentalraketen den Raumgleiter für die militärische Nutzung unnötig gemacht.
Schlussendlich kann man all diese Projekte als Vorbereitungen für gottseidank friedlichere und der Weltraumforschung gewidmeten und tatsächlich gebauten Orbitalfahrzeugen wie dem Space Shuttle oder der russischen Raumfähre Bruan 1.01 sehen. Heutige Raumfähren wie Boeing X-37 oder Dreamchaser setzen diese Linie fort.
Zu Bausatz und Bauprozess
Diese Variante des Sänger-Orbitalgleiters ist aus dem Bausatz von Takom entstanden, was einen interessanten Vergleich mit den Formen von AMP – siehe „Keldysch-Suborbitalbomber“ – ermöglicht. So besticht etwa Takoms Angebot im Gegensatz zu AMP durch saubere, präzise gegossene Formen und einer Passgenauigkeit, die über jeden Zweifel erhaben ist. Auch die Möglichkeit, bei den Bugteilen zwischen jenen für eine zweisitzige und eine einsitzige Version wählen zu können, hat mir hier gut gefallen.
Der Bau selbst ist nicht sonderlich kompliziert und geht zügig von der Hand. So sind die auf den Baufotos sichtbaren Spachtelmassen auch eher der Gewohhnheit als der Notwendigkeit geschuldet. Dem Bausatz liegt ein Decalbogen mit mehreren Markierungsvarianten fiktiver deutscher Einsatzmaschinen bei. An deren Bau war mir allerdings nicht gelegen: ich wollte anstelle eines Interkontinentalbombers eine möglichst nicht militärische Variante entstehen lassen.
Nachdem ich das Thema der X-planes mit einem gewissen Interesse verfolge, hat sich inzwischen in meinem Fundus eine ganze Palette an NACA und NASA Decals angesammelt, was mir die Gestaltung einer fiktiven „X-3 Pegasus“ wesentlich erleichtert hat.
Die Farbgebung, die ich dem Raumgleiter auf den langgestreckten Leib geschneidert habe, sollte für die beginnenden Fünfzigerjahre zeittypisch und authentisch wirken. Der – natürlich ebenfalls erdachte – Projektname Pegasus hat mir gefallen: so wie das geflügelte mythologische Wesen seinen Reiter hoch hinauf zum Göttersitz Olymp getragen hat, hätte ein verwirklichter Orbitalgleiter vielleicht zum ersten Mal einen Menschen über die Grenze des Weltraums getragen – und ihn so über den Tellerrand irdischen Gebundenheit blicken lassen.
© Modell, Bilder und Text: Roland Sachsenhofer





