Der Superfrachter
Modell: Bristol Typ 170 Mk.32 Superfreighter
Gebaut von: Roland Sachsenhofer
Maßstab: 1/72
Verwendeter Bausatz: Airfix (A05002V)
Ist es nicht so, dass oftmals schon das bloße Erscheinungsbild eines Flugzeugs verrät, welchem Zweck es dient? Die große Bristol Freighter scheint mir ein gutes Beispiel, um diese Behauptung zu belegen, denn Ihr eigentümlich vierschrötiges Auftreten verrät konstruktive Konsequenz! Dieses Flugzeug ist auf den einen Zweck hin entworfen: schwere und sperrige Ladung zuverlässig über moderate Strecken ans Ziel zu bringen, ästhetische Kategorien wie Eleganz mussten dabei ebenso zurücktreten wie die technischen Kategorien hoher Geschwindigkeit oder großer Reichweite.

Bristol nutzte beim Entwurf der Type 170 Freighter Erfahrungen, die man Ende der Dreißigerjahre mit der Bristol Bombay machen konnte, wobei beide Entwürfe interessanterweise aus einer Hand stammen: Taffy Powell zeichnete bei Bristol für die Konstruktion sowohl der Bombay wie der hier behandelten Type 170 Freighter verantwortlich. So findet man bei beiden Flugzeugen dasselbe konstruktive Rezept eines hochbeinig abgestrebten zweimotorigen Schulterdeckers. Der Rumpf liegt durch diese Konfiguration nahe am Boden, dies erleichtert im Verbund mit dem breiten, kastenförmigen Rumpfquerschnitt das Beladen.
Die Leistungsdaten bestätigen das Bild eines großen und robusten Frachtflugzeugs für kurze Strecken: Die Spannweite maß beeindruckende 32,92 m, der Rumpf 22,40 m. Zwei Bristol Hercules 374 Sternmotoren mit je 2.000 PS ermöglichten eine Reisegeschwindigkeit von 264 km/h (362 km/h Spitze) und brachten die Superfreighter nach nur 670 m über ein 15 Meter hohes Hindernis. Zum Landen benötigte die beladene Maschine ebenfalls annähernd 700 Meter. Der 630 Kubikmeter messende Laderaum nahm bis zu 6.196 kg an Fracht und Passagiere auf – mehr dazu später im Text.
Begonnen wurde an der Bristol Freighter noch während des Kriegs, wobei das Air Ministry mit der Specification 22/44 die Fähigkeit zur Beförderung von gut vier Tonnen sperriger Fracht einforderte. Zur dieser Ladekapazität sollte auch ein drei Tonnen schwerer Lastwagen zählen. Den Erstflug des schnörkellos „Freighter“ getauften neuen Flugzeuges mit der Kennung G-AGPV erfolgte am 2. Dezember 1945. In Folge wurde im April 1946 noch eine reine Passagierversion unter der Bezeichnung Type 170 Mk.II „Wayfarer“ zum ersten Mal in die Luft gebracht. Bei dieser für 32 Fluggäste ausgelegten Maschine entfielen die großen Bugtore der Freighter.
Kurz nach Kriegsende schien klar, dass der Type 170 sich vor allem am zivilen Markt würde behaupten müssen, doch sollte sich zeigen, dass die Freighter auch für das Nachkriegs-Militär von nachhaltigem Interesse war. Zu einem der ersten Kunden zählte so etwa die argentinische Luftwaffe, die 15 Exemplare des neuen vielversprechenden Transportflugzeuges orderte. Schlussendlich nutzten die Streitkräfte von Neuseeland, Australien, Kanada, Pakistan, Irak und Burma die Bristol Freighter in ihren militärischen Versionen über lange Jahre.
Allerdings machte die neue Maschine auch am zivilen Markt eine gute Figur. Sie wurde weltweit derart stark nachgefragt, dass sie auch in ziviler Rolle auf so gut wie allen Kontinenten geflogen wurde. Es war allerdings ein britisches Unternehmen, welches die Entwicklung der Bristol Superfreighter ins Rollen bringen sollte. Auf Anregung von Silver City Airways, einer Fluglinie, die von den britischen Inseln aus kurze Routen über den Kanal nach Frankreich bediente, wurde die Freighter um 1,52 Metern verlängert und mit einem vergrößerten Leitwerk ausgestattet.
Diese nun als Bristol Type 170 Mk.32 Superfreighter bezeichnete Version flog im Januar 1953 zum ersten Mal, insgesamt wurden 20 Exemplare dieser vergrößerten Freighter gebaut und bis 1970 in ziviler Nutzung geflogen. Das hier vorgestellte Modell zeigt eine dieser vergrößerten Maschinen mit der charakteristischen langen Nase. In dieser hatte ein Auto Platz, die Superfreighter konnte nun drei anstelle der zwei PKW der früheren Version aufnehmen, im verlängerten Rumpf fanden 20 Fluggäste Platz, anstelle der bei der den früheren Versionen möglichen 12.
Neben Silver City Airways bedienten sich insgesamt noch neun weitere Unternehmen der Vorzüge der Superfreighter. Dazu zählten neben britischen Fluglinien auch die belgische Sabena. Einer der größeren Halter war allerdings jene Linie, deren Farben die hier dargestellte G-AMWA zeigt: British United Air Ferries (BU) hatte Mitte der 60er Jahre die stolze Zahl von 25 Bristol Freighter – davon 20 Superfreighter – im Bestand.
Zu Bausatz und Bauprozess
Die Bristol Superfreighter ist eine jener Modell-Veteranen, deren Schachtelbild mich seit Jugendtagen an begleitet und inspiriert hat. So war es ein großes und beinahe sentimentales Vergnügen, diesen Bausatz – im Zuge der „Airfix Classics“ Reihe mit verwendbaren Decals versehen – endlich tatsächlich bauen zu können! Die Formen der Superfreighter stammen aus dem Jahre 1959 (nach Chr.), der Bausatz selbst wurde zwischenzeitlich alle Jahrzehnte einmal neu aufgelegt.
Für mich war klar, dass aus diesem Methusalem kein Vollblut zu machen sein würde, trotzdem wollte ich das nach meiner Definition Beste aus diesem Angebot herausholen. Das bedeutete etwa, dass gleich zu Beginn die Bugtore fest an die beiden Rumpfhälften angebracht wurden und deren überproportionierten Scharniere auf ein vorbildähnliches Maß zurückgenommen wurden.
Klar war auch, dass die beiden Motorgondeln überarbeitet werden mussten: hier fehlte jede Andeutung der am Vorbild recht deutlichen Auspuffstutzen. Diese wurden durch Kabelisolierungen, deren Innenwände ich auch noch ausgedünnt hatte, dargestellt. Diese einfache Methode erzeugt ein überraschend gutaussehendes Endergebnis und ist dabei doch recht unaufwendig umzusetzen. Die Bilder der Bauphase sollten dies gut illustrieren.
Einen weiteren Umbau verursachten die Räder beziehungsweise deren völlig realitätsferne Umsetzung. Hier kam mir das Fahrwerk einer gerade ausgeschlachteten Noratlas von Heller gelegen, deren von der Größe und Form her genau passenden Reifen und Felgen einen willkommenen Ersatz geboten haben.
Neu aufgebaut habe ich die nicht vorhandene Darstellung der VHF-Antennen unter dem Rumpfbug sowie das prominente Positionslicht an der Leitwerksspitze, das im Bausatz ebenfalls nicht berücksichtigt wird. Ein paar Kleinigkeiten wie die Darstellung von Scheibenwischer, das Öffnen der Ansaugstutzen ober- und unterhalb der Motoren oder das Aufbohren und „Verglasen“ der Scheinwerfer an den Tragflächenunterseiten kamen als ergänzende Maßnahmen noch dazu.
Im Stil der Zeit findet man auf allen Oberflächen massive „Nieten“. Das gefällt mir inzwischen eigentlich recht gut: indem man diese per Schleifpapier zu handlicher Größe schrumpfen lässt – also so, dass man sie mehr ahnt als wirklich erkennt, kann man eine recht stimmige Anmutung von genietetem Metall erzeugen. Wenn man dann noch ein paar an die Vorbildfotos angelehnte Panellinien zieht, kann eine angemessen Gesamtwirkung entstehen.
Auch sonst ist dieser Bausatz für ein paar positive Überraschungen gut: die Passgenauigkeit habe ich als recht komfortabel empfunden, die Maßhaltigkeit gegenüber dem Original soll passabel sein – und die Decals sind (wie meist bei Airfix) von hervorragender Qualität. Die Decals für die blauen Areale längs des Rundes habe ich in handliche Stücke geschnitten, damit waren sie komfortabel zu verwenden und bieten am fertigen Modell einen recht glaubhaften Anblick.
Fazit
Das Endergebnis ist für mich mehr eine stimmige Interpretation, als dass es eine bloß perfekte Kopie des Originals sein will. Vor allem ist es für mich aber eine Referenz an ein beeindruckendes Flugzeug: endlich habe ich aus dem Schachtelbild meiner Jugend ein dreidimensionales Abbild entstehen lassen können!
© Modell, Bilder und Text: Roland Sachsenhofer




