Der Fetzenflieger
Modell: Velorex „Hadraplán“
Gebaut von: Roland Sachsenhofer
Maßstab: 1/35
Verwendeter Bausatz: ASK (200-K35001)
Ein Stück Technik ist immer Spiegelbild seiner Epoche. Bezieht man das auf die Karrierestationen des hier vorgestellten Velorex-Dreirads könnte das so zusammengefasst werden: Geboren aus dem Improvisationstalent des Krieges, groß geworden durch die Mangelwirtschaft des Sozialismus – und bis heute ein gefeiertes Sammlerobjekt. Hört sich das nicht vielversprechend genug an, um Lust auf eine nähere Auseinandersetzung mit diesem kuriosen Fahrzeug zu bekommen? Tatsächlich steckt dieses scheinbar simple Fahrzeug so voller Überraschungen, dass ich drei davon ausgewählt habe, um den eigentümlichen Charme, den dieses charaktervolle Gefährt ausstrahlt, fassbar zu machen.

Der Hintergrund: vom „Oscar“ zum „Hadraplán“
Davor jedoch noch ein paar Worte zum zeithistorischen Hintergrund: Der Velorex, im Volksmund liebevoll „Hadraplán“ genannt, was auf Tschechisch „Fetzenflieger“ oder „Stoffplane“ bedeutet, ist ein legendäres dreirädriges Kleinstfahrzeug aus der ehemaligen Tschechoslowakei. Hinter der Konstruktion standen die Brüdern František und Mojmír Stránský. Der erste Prototyp entstand 1943, also noch mitten im Krieg, unter dem Namen „Oskar“. Dieser in Heimproduktion gebaute Erstling war der Ausgang zu einer unglaublichen Erfolgsgeschichte, die damals wohl niemand vermutet hätte: Zwischen 1950 und 1973 sollten in den Werken Solnice und Rychnov nad Kněžnou die unglaubliche Anzahl von über 15.000 Einheiten gebaut werden. Die Brüder Stránský waren zu diesem Zeitpunkt aber schon nicht mehr dabei: ihre Werkstatt war 1950 zwangsverstaatlicht und in die Produktionsgenossenschaft Velo, später Velorex, eingegliedert worden.
Entsprechend ihrer Motorisierung unterscheidet man die beiden Versionen Velorex 16/350 und 16/175 mit 350 beziehungsweise 175 Kubikzentimeter. Die Höchstgeschwindigkeit der leer 310 Kilogramm wiegenden Velorex lag bei gut 80 km/h. Als Nachfolger dieser beiden Modelle hätte man gerne das vierrädrige Modell Velorex 435-0 eingeführt. Es besaß eine kastenförmige Karosserie aus glasfaserverstärktem Kunststoff, floppte jedoch komplett, sodass nach rund 15.000 Einheiten die gesamte Fahrzeugproduktion bei Velorex im Jahr 1973 eingestellt wurde.
Klein, aber oho! Karosserie aus der Kleiderfabrik
Meine persönliche Hitliste der überraschendsten Fakten führt eine augenfällige Eigentümlichkeit an: die Verlorex hatte eine Karosserie aus der Kleiderfabrik, das Fahrzeug war somit gleichsam mehr bekleidet als gebaut. Der Prototyp von 1943 besaß zwar noch eine Außenhaut aus Duraluminium, aufgrund des extremen Materialmangels in der Nachkriegs- und Mangelwirtschaft stiegen die Brüder Stránský aber nach dem Kriegsende auf Igelit, einem PVC-Kunstleder, um. Mojmírs Ehefrau nähte der Legende nach die ersten Bezüge noch an ihrer eigenen Nähmaschine zusammen, ab 1945 lief dann eine erste Kleinstserie in Handarbeit an.
Rückwärts so schnell wie vorwärts
Überraschung Nummer zwei: Das Dynastarter-Kuriosum! Der Velorex besaß kein klassisches mechanisches Rückwärtsgetriebe, sondern nutzte eine seltsame Eigenschaft seines Jawa-Zweitakt-Motorrad-Motors. Um rückwärtszufahren, musste der Fahrer den Motor komplett ausschalten. Über den sogenannten Dynastarter wurde die Zündrichtung manipuliert, sodass der Motor physisch rückwärts ansprang. Da das Getriebe davon unberührt blieb, standen dem Fahrer alle vier Gänge auch rückwärts zur Verfügung. Der Hadraplán konnte theoretisch mit seiner vollen Höchstgeschwindigkeit von ca. 80–85 km/h rückwärts über die Straße jagen!
„Spiegelverkehrte“ Maßanfertigung für Amputierte
Überraschung Nummer drei: „Spiegelverkehrte“ Maßanfertigung für Amputierte. Das Auto wurde vom Staat als offizielles Mobilitätshilfsmittel für Kriegsversehrte und Menschen mit Behinderungen deklariert. Man konnte es nicht einfach kaufen – es wurde auf medizinische Zuteilung vergeben. Trotzdem stieg die Nachfrage massiv: 1959 fertigte das Werk bereits rund 120 Fahrzeuge pro Monat. Da viele Käufer tatsächlich Kriegsversehrte waren, passte das Werk die Fahrzeuge den spezifischen körperlichen Einschränkungen der Käufer an. Es wurden nachweislich Varianten mit Rechtslenkung gebaut – allerdings nicht für den Linksverkehr, sondern gezielt für Menschen, denen der rechte Arm fehlte. So konnten sie die mittig angeordneten Hebel und die Schaltung problemlos mit der gesunden linken Hand bedienen.
Nach dem Ende der Dreirad-Ära verlagerte sich das Unternehmen Velorex ganz auf die Fertigung von Beiwagen für Jawa-Motorräder. Bis heute gilt der Hadraplán wegen seiner skurrilen Bauweise als wahres Kultfahrzeug in der europäischen Oldtimer-Szene. Erstaunlicherweise existieren Velorex-Gemeinden aber auch in den USA, Asien und selbst in Australien – was für mich ein letztes überraschendes Fakt war!
Zu Bausatz und Bauprozess
ASK, bekannt als Hersteller von hochwertigen Zurüstteilen, hat sich dieses sehr tschechischen Themas mit einem eigenen, 2024 erschienen Bausatz angenommen. In der stabilen Schachtel liegen alle Teile, um eine passable Darstellung eines „Hadraplán“ gestalten zu können. Je nach gewünschter Detailtiefe ist ein Nachdetaillieren natürlich möglich, in manchen Bereichen sogar zu empfehlen – ich werde darauf noch zu sprechen kommen.
Die drei Räder, die als beeindruckend feingliedrige 3D-Druckteile beigegeben sind, machen einen überzeugenden Eindruck, legen mit der Präzision ihrer Formen allerdings die Latte in Höhen, an welche die Teile aus Polysterol nicht heranreichen (können). Diese sind eher rustikal dickwandig gegossen und müssen nach dem Abtrennen durchwegs versäubert werden. Dafür ermöglichen sie aber beispielsweise die Darstellung des Motorraum-Inneren in angemessener Vollständigkeit, was auch gut ist – immerhin hat man hier von der Unterseite her einen guten Einblick.
Die Abfolge der Bauschritte sollte man sich gut überlegen, der Bau selbst ist aber nicht kompliziert. Die Anleitung ist hilfreich, verausgabt sich dabei aber weder in ihrer grafischen noch textlichen Gestaltung. Was mir allerdings gefallen hat, sind die vier Bemalungsvorschläge, die eine ansprechende Bandbreiten möglicher Kombinationen der bei Velorex verwendeten Farbtöne vorstellen.
Ich habe im Wesentlichen zwei Änderungen vorgenommen. Modifiziert habe ich die Abdeckung des Hecks beziehungsweise des Heckrads: hier war die Materialstärke des Schurzes zu dick. Ich habe diesen gegen ein Stück Bleifolie ausgetauscht, das mir in seiner Dicke und seiner Optik dem Igelit wesentlich näher zu kommen scheint. Weiters wurden mit einem Skalpell die zahlreichen Ösen für die Verzurrung der diversen Verkleidungsteile in den Kunststoff eingeschnitten, diese danach auch farbig herausgehoben. Dies erscheint mir als eine wirkliche Verbesserung, da diese Ösen das Erscheinungsbild wesentlich mitbestimmen, im Bausatz aber nicht dargestellt werden.
Abschließend: Der kleine Anhänger, der in manchen Bildern zu sehen ist, liegt dem Bausatz nicht bei, sondern muss gesondert beschafft werden. Ich konnte da nicht widerstehen, bringt das „kleine Rollköfferchen“ das unkonventionelle und charmante Aussehen der Verlorex „Hadraplán“ doch auf den Punkt!
Wie schön, dass sich ASK dieses interessanten und erfreulichen Vorbilds angenommen hat – jedem Interessierten ist eine relativ kurze, vor allem aber kurzweiliege Abwechslung zum Gewohnten sicher!
© Modell, Bilder und Text: Roland Sachsenhofer

