Der fliegende Parasol
Modell: Nemeth Parasol
Gebaut von: Roland Sachsenhofer
Maßstab: 1/48
Verwendeter Bausatz: AviS (BX 48003)
Ist es nicht eine faszinierende Vorstellung, mit einer einzigen Innovation einer breiten Mehrheit der Menschen Bereiche zu eröffnen, die bis dahin nur einer kleinen Elite zugänglich waren? Präziser gefragt: wie wäre es, wenn durch eine geniale technische Neuerung plötzlich so gut wie Jedermann das technische Wunder Flugzeug in vollkommen sicherer Weise verwenden könnte – und dies noch dazu ohne hürdenreiche Ausbildung? Vielleicht ist es kein Zufall, dass dieser gleichsam demokratische Ansatz gerade in den USA der fortschrittsgläubigen Dreißigerjahre mehrmals Persönlichkeiten findet, die ihn mit viel Einsatz und Genialität zu verwirklichen suchen. Steven Paul Nemeth, Fluglehrer, Erfinder und Luftfahrtingenieur aus Dayton, Ohio, darf zu diesem Personenkreis gezählt werden. Sein Traum: das Flugzeug für alle!

Eine fliegende Untertasse
Nemeths Geisteskind, die hier im Modell gezeigte Nemeth Parasol war ein wahrlich außergewöhnliches, im Jahr 1934 erstmals erfolgreich geflogenes Experimentalluftfahrzeug, das durch seine markante, kreisrunde Tragfläche Berühmtheit erlangte. Nemeth wollte beweisen, dass eine kreisförmige Tragfläche maximale Flugsicherheit und extreme Kurzstart-Eigenschaften aufweist, um so das Fliegen für jedermann zugänglich zu machen. Er wollte dabei nicht nur ein extrem gutmütiges Flugzeug schaffen, es sollte darüber hinaus so kompakt sein, dass es in eine gewöhnliche Autogarage passte und dabei so sicher, dass „ein Anfänger es in nur 30 Minuten beherrschen konnte“ – so Steven P. Nemeth in einem Zeitungsartikel von 1934.
Bereits ab 1929 führte er an der University of Michigan erste Windkanaltests mit kreisrunden Profilen durch. Verwirklicht wurde das Konzept des Kreisflügels dann mit dem Rumpf eines bewährten Doppeldeckers: Nemeth verwendete eine Alliance A-1 Argo, deren leicht modifizierter Rumpf dabei verlängert wurde.
Das Herzstück der Neukonstruktion war natürlich der charakteristische kreisrunde Schirmflügel mit einem Durchmesser von 4,57 Metern. Dieser wurde über ein komplexes System aus insgesamt 15 Streben weit oberhalb des Rumpfes montiert. Entworfen und gebaut worden war die Tragfläche in Zusammenarbeit mit Studenten der Miami University in Oxford, Ohio.
Was auch am Modell gut zu erkennen ist: am hinteren Ende der Kreisscheibe befanden sich Klappen, wobei die äußeren beiden als Querruder fungierten. Das restliche Leitwerk am Heck entsprach dem eines konventionellen Hecksporn-Flugzeugs. Für die Parasol wurde anstelle des ursprünglichen 90 PS Lambert-Motor der Argo ein stärkerer, luftgekühlter 7-Zylinder-Sternmotor vom Typ Warner Scarab verbaut, der rund 120 PS leistete.
Der größte Clou der Konstruktion war das Verhalten bei einem Strömungsabriss. Wurde der Motor im Flug absichtlich abgeschaltet und die Maschine überzogen, sackte sie dank der runden Scheibe wie an einem Fallschirm fast vertikal und völlig stabil ab, ohne über eine Tragfläche abzukippen oder ins Trudeln zu geraten. Das Flugzeug benötigte eine Startstrecke von nur rund 19 Metern, gelandet werden konnte die Maschine durch das kontrollierte Absacken auf einer Strecke von sensationellen 7,6 Metern. Bei diesen Daten ist es fast überraschend, dass die Nemeths Parasol eine unerwartet hohe Spitzengeschwindigkeit von rund 217 km/h erreichte – und das bei einer sehr niedrigen Landegeschwindigkeit von nur etwa 40 km/h!
Verbleib und historisches Erbe
Obwohl Magazine wie Popular Science und Modern Mechanix im Sommer 1934 euphorisch über das „fliegende Zertifikat für absolute Sicherheit“ berichteten, zeigten weder das Militär noch private Investoren kommerzielles Interesse. Nemeth modifizierte das Flugzeug später noch einmal mit untergehängten Klappen und einer Townend-Motorverkleidung, stellte die Versuche nach rund zwei Jahren jedoch ein.
Es wurde nur ein einziges Exemplar der Nemeth Parasol gebaut. Der genaue Verbleib dieser Maschine ist bis heute unbekannt. Zu vermuten ist aber, dass die Maschine wieder in eine normale Alliance Argo zurückgebaut wurde. Dennoch gilt die Nemeth Parasol als wichtige Pioniertat für spätere, teils noch radikalere Rundflügel- und Diskusprojekte wie die deutsche Sack AS-6, die amerikanische Vought V-173 „Flying Pancake“ oder die zeitgleich ebenfalls in den USA entstandene Reihe der Arup S-1 bis S-4.
Zu Bausatz und Bauprozess
Avis ist meines Wissens nach der einzige Hersteller der Nemeth Parasol 13651. 2021 kam das Modell im Maßstab 1/72 auf den Markt, 2023 folgte die Ausgabe in 1/48. Ich könnte mir gut vorstellen, dass die zugrundeliegenden Formen beider Bausätze gleich sind.
Das Ganze ist schon eher auf der groben Seite angesiedelt, wobei, das sei gleich relativierend gesagt, der Bausatz eine gute Basis bildet. Prinzipiell passen die Teile ausreichend zueinander, müssen aber stark versäubert und zugerichtet werden. Ich lade dazu ein, die Baufotos anzusehen. Ohne viele Worte kann dabei deutlich werden, was dies meint und worin die Qualitäten dieses Bausatzes liegen.
Die neun Zylinder des Warner Scarab aus dem Bausatz sind darauf allerdings nicht mehr abgebildet: sie waren von einem derart unbrauchbaren Aussehen, dass ich sie gleich zu Beginn aussortiert und gegen „geborgte“ Zylinderköpfe zweier ICM Po-2 Bausätze ausgetauscht habe. (Keine Sorge, die beiden beraubten Polikarpov haben eine schöne Wiedergutmachung in Form von zwei Shvetsov M-11D aus Resin spendiert bekommen).
Vor eine gewisse Herausforderung hat mich auch der fragile Streben-Wald zwischen Scheibenflügel und Rumpf gestellt. Angesichts der wenig vertrauenerweckenden Natur der Plastik-Streben sowie des beachtlichen Gewichts der Scheibe konnte ich mir nicht so recht vorstellen, wie dies alleine durch Kleben zu einer stabil-dauerhaften Verbindung führen sollte. Die Lösung seht ihr ebenfalls auf den Baufotos: zum Schluss war es gar nicht so schwer, die abgelängten Streben auf beiden Enden anzubohren, um dann verstärkende Drahtstücke einzukleben. Die Baufotos verraten auch: einzelne Streben müssen erst in die richtige Länge gebracht werden. Hier ist genaues Messen angeraten.
Wenig überraschend braucht man auch mit dieser Draht-stabilisierten Variante Ruhe und Ausdauer, um den Scheibenflügel, der ja nach allen Raumachsen korrekt ausgerichtet sein will, anzubringen – schlussendlich konnte ich aber sagen: Ende gut, alles gut!
Ansonsten zeigt der Bausatz auch komfortablen Seiten: die Passgenauigkeit erwies sich, wie schon angesprochen, als recht angenehm, die Decals waren sogar von exzellenter Qualität.
Fazit
Alles in allem möchte ich diesen Bausatz für ambitionierte Modellbauer sehr empfehlen! Mit ein klein wenig Mehraufwand, für den man mit einer Menge Nervenkitzel belohnt wird, hat man die Gelegenheit, eine wirkliche Rarität in die Vitrine zu stellen – noch dazu eine mit durchaus eleganten Linien und ziviler Verwendung!
© Modell, Bilder und Text: Roland Sachsenhofer




