Der Absturz von L 20
Modell: Zeppelin L 20
Gebaut von: Roland Sachsenhofer
Maßstab: 1/350
Verwendeter Bausatz: Takom (6003)
Manche Bilder bleiben, weil sie mehr zeigen als den Augenblick, den sie festhalten. Sie lösen sich vom bloßen Abbild und werden zu Zeichen: zu Ikonen, die über sich selbst hinausweisen und einen größeren Zusammenhang sichtbar machen. Zu diesen Bildern gehört das am Morgen des 4. Mai 1916 aufgenommene Foto des im norwegischen Hafrsfjord zerbrochen liegenden deutschen Luftschiffs L 20. Der Bug des notgewasserten Zeppelins ragt noch immer empor, von den unversehrt gebliebenen Gaszellen angehoben, während dahinter der Leib des Luftschiffs im Fjordwasser liegt: aufgerissen, die leinene Haut zerfetzt, das Gerippe bloßgelegt. Die vordere Gondel hängt aufgebrochen in den Resten des verbogenen Strebewerks; die Menschen, die sie getragen hatte, hat sie ausgespien.Was hier im kalten Fjord-Wasser zu liegen gekommen ist, wirkt nicht nur wie das Wrack einer Maschine, sondern wie ein Sinnbild des Scheiterns technischer Zuversicht – vielleicht sogar wie ein Mahnmal menschlicher Hybris. Was war mit diesem Zeppelin geschehen?

Eine verhängnisvolle letzte Fahrt
Am Abend 2. Mai 1916, im zweiten Kriegsjahr, war das Marine-Luftschiff L 20 unter dem Kommando von Kapitänleutnant Franz Stabbert zu einem nächtlichen Bombenangriff auf Ziele in Schottland und den englischen Midlands gestartet. Bereits während des Einsatzes, verstärkt aber dann auf dem Rückflug, verschärften ungünstige Wetterbedingungen die Lage. Starke Gegenwinde, schlechte Sicht und noch dazu anhaltende Motorprobleme verlangsamten das Luftschiff erheblich und führten zu einem raschen Verbrauch der Treibstoffreserven. Anhaltender Westwind verhinderte schließlich die Rückkehr nach Deutschland und zwang L 20 über die Nordsee in Richtung der neutralen norwegischen Küste.
Die Notlandung in Norwegen am Morgen des 3. Mai 1916 verlief als Abfolge mehrerer Ereignisse über zwei Fjorde und das dazwischenliegende Gelände hinweg. Entscheidend für dessen fatalen Verlauf waren der weitgehend aufgebrauchte Treibstoff, unvorhergesehene starke Luftströmungen im Fjordgebiet und die plötzlichen Gewichtsveränderungen durch abbrechende Teile und den Verlust und Absprung einzelner Besatzungsmitglieder.
Der Ablauf des Absturzes
Der Ablauf des Dramas ist erstaunlich gut dokumentiert. Nachdem Stabbert erkannt hatte, dass der verbleibende Treibstoff für den Rückweg nicht mehr ausreichen würde, entschied er, einen Bereich südlich von Stavanger anzusteuern. Beim Abstieg in den dort befindlichen Gandsfjord geriet das Luftschiff jedoch in Böen und Fallwinde, die von den umliegenden Bergen herabkamen. Die Mannschaft verlor in diesen Minuten weitgehend die Kontrolle über das Luftschiff – und auch die Nerven, wenn man so sagen will. In Folge dessen schlug L 20 ein erstes Mal hart auf dem kalten Wasser des Fjords auf.
Bei diesem ersten Aufprall verließen der Kommandant und sieben Besatzungsmitglieder der Schiffsführung hastig die vordere Gondel. Stabbert und ein Seemann erreichten aus eigener Kraft das Ufer. Sechs weitere Männer wurden von einem norwegischen Fischer aus dem Wasser gerettet. Durch den Verlust von acht Personen war das Luftschiff nun jedoch schlagartig um mehrere hundert Kilogramm leichter geworden.
Diese plötzliche Entlastung führte dazu, dass der beschädigte Zeppelin erneut aufstieg. Ohne ausreichende Steuerungsmöglichkeit trieb L 20 nach Westen und wurde im Bereich des Heddå-Berges gegen das Gelände gedrückt. Dabei brach das Heckteil im Bereich der hinteren Gondel, das Luftschiff nahm nun eine stark geneigte Lage ein.
Bei der Kollision mit dem Gelände wurden fünf weitere Besatzungsmitglieder aus den Gondeln geschleudert – über deren Schicksal bleiben die Quellen unklar. Die Hülle verlor infolge dieser schweren Beschädigungen rasch Gas, der in Teile gebrochene Zeppelin sank weiter ab und kam schließlich auf der Wasserfläche des westlich gelegenen Hafrsfjords nieder.
Zu diesem Zeitpunkt befanden sich nur noch drei Besatzungsmitglieder an Bord des im Fjord treibenden Wracks. Ein norwegisches Torpedoboot, das dem Luftschiff bereits über die Küstenlinie hinweg gefolgt war, erreichte den Hafrsfjord und konnte diese verbliebenen Männer unverletzt aufnehmen. Damit endete die letzte Fahrt von L 20 nach einer Folge aus Notwasserung, erneutem Aufstieg, Geländekollision und endgültigem Niedergehen im Hafrsfjord.
Zeppelin L 20 als Typschiff der Q-Klasse
Der kaiserliche Marine-Zeppelin L 20 (ursprüngliche Bezeichnung: LZ 59), war das erste einsatzbereite Luftschiff der neun Q-Klasse. Diese war eine Weiterentwicklung der zuvor gebauten P-Klasse und zeichnete sich bei grundsätzlicher Beibehaltung aller konstruktiven Merkmale vor allem durch eine wesentliche Verlängerung des Rumpfes aus.
Mit über 178 Metern Länge waren die Luftschiffe der Q-Klasse die bis dato größten je in Dienst gestellten Zeppeline. Um zu veranschaulichen, was das bedeutete: der Zeppelin L 20 war um einiges länger als die allermeisten Schlachtschiffe der kaiserlichen Marine! So überragte L 20 die mächtigen Schlachtschiffe der Kaiser-Klasse wie das Flottenflaggschiff SMS Friedrich der Große um sechs Meter. Erst die modernsten Schlachtkreuzer der Derfflinger-Klasse sollten mit ihren 210 Metern sichtbar länger als der Zeppelin sein. Keinerlei Konkurrenz kommt natürlich beim Vergleich von Gewicht und Besatzungssstärke auf. Waren auf der SMS Friedrich der Große 1.080 Mann stationiert, benötigte die L 20 nur 19 Mann. Der Luftschiff-Gigant wog leer 19 Tonnen, die etwa 27.000 Tonnen Verdrängung der Kaiser-Klasse erwähne ich nur mehr der Ordnung halber.
Eine kurze Einsatzgeschichte von L 20
Zeppelin L 20 unter Kapitänleutnant Franz Stabbert hatte sich zum Zeitpunkt seines Absturzes bei Freund wie Feind schon einen Namen gemacht. Im Dezember 1915 in Dienst gestellt und meist im (heute dänischen) Tondern stationiert, war das Schiff in den ersten Wochen des Jahres 1916 vor allem Aufklärungsmissionen über der Nordsee geflogen, um feindliche Schiffsbewegungen für die kaiserliche Hochseeflotte zu überwachen.
Am 31. Januar nahm L 20 jedoch an einem strategischen Großangriff von insgesamt neun deutschen Marine-Zeppelinen teil. Der Plan sah vor, die weit im Westen liegenden Docks von Liverpool zu bombardieren, aufgrund von dichten Wolkendecken, heftigen Winden und Navigationsfehlern verfehlten die Luftschiffe ihr eigentliches Ziel Liverpool jedoch komplett. Die Flotte bombardierte stattdessen blind verschiedene englische Städte in den Midlands. Kommandant Stabbert steuerte seine L 20 über Stamford weiter nach Westen. Durch die Lichter der Stadt Loughborough angelockt, warf er mitten in der Nacht vier schwere Sprengbomben direkt über dem Stadtzentrum ab. Der Angriff forderte Todesopfer unter der Zivilbevölkerung und verursachte erhebliche Sachschäden. In britischen Chroniken ging L 20 daraufhin dauerhaft als „The Raider of Loughborough“ in die Geschichte ein.
In den knapp fünf Monaten seiner Einsatzzeit hatte das Marine Luftschiff L 20 18 erfolgreiche Fahrten absolviert, von seiner 19. sollte es nicht mehr wiederkehren.
Die 16 überlebenden Männer der L20 wurden ins Internierungslager Oddernesmoen bei Kristiansand gebracht und ausgesprochen gastfreundlich behandelt. Mit den Resten von L 20 machten die norwegischen Behörden jedoch gleich am nächsten Tag kurzen Prozess: um zu verhindern, dass das noch immer mit explosivem Wasserstoff gefüllte Wrack unkontrolliert driftet oder die deutsche Marine Bergungsansprüche erhebt, wurden die Überreste von L 20 am 4. Mai unter den Augen von zahlreichen Schaulustigen kontrolliert beschossen und gesprengt.
Die internierten Offiziere der L 20 durften sich gegen ein schriftliches Ehrenwort, nicht zu fliehen, tagsüber völlig frei in der Stadt bewegen. Diese lockere Handhabung ermöglichte es Kommandant Stabbert im November 1916 auch, sein Ehrenwort zu brechen und als falscher Tourist verkleidet per Bahn und Schiff nach Schweden und weiter nach Deutschland zu fliehen – was prompt zu einem kleinen diplomatischen Skandal führte. Die wiedergewonnene Freiheit sollte Stabbert jedoch kein Glück bringen. Er übernahm in Deutschland neuerlich das Kommando über Luftschiffe, wurde jedoch am 20. Oktober 1917 mit seinem neuen Zeppelin L 44 über Frankreich abgeschossen und fand dort den Tod.
Zu Bausatz und Bauprozess
Die hier gezeigte L 20 ist das zweite Zeppelin-Modell, das ich aus den Formen des Herstellers Takom gebaut habe. Meine Eindrücke zu Bausatz und Bauprozess sind in einem vorangegangenen Artikel schon geschildert worden. Um mich nicht einfach zu wiederholen, möchte ich daher interessierte Leser auf diesen schon publizierten Beitrag verweisen.
Ein selbst fabrizierter Unterschied zwischen den beiden Modellen existiert allerdings: zur Darstellung der Verspannung der vier Heckflossen habe ich hier dünne Drähte verwendet, beim zweiten Modell, Zeppelin L 25, wurde die Darstellung des Ganzen mit dehnbarem Garn versucht. Auch hier darf ich an einem Vergleich Interessierte auf diesen ersten Artikel verweisen.
Zum Schluss möchte ich noch auf das Modellgelände zu sprechen komme, dass ich für die fotografische Inszenierung des Zeppelin-Modells gebastelt habe. Das eingangs zitierte Bild der halbtot im Fjord liegenden L20 hat mich derart gebannt, dass ich die Szenerie in einem kleinen Foto-setting einfangen wollte. Ein Stück norwegischer Küste war rasch aus zusammengeklebten Schaumstoff-Blöcken geschnitten, Farbgebung und Oberflächengestaltung erfolgten frei, allerdings habe ich besonders darauf geachtet, Tiefen und Untiefen des Küstengewässers mit entsprechenden Farbmodulationen vorzubereiten. Diesen Zustand zeigen die beiliegenden Bilder des Bauprozesses.
Fazit
Wenn man will, kann man die vor diesem Hintergrund entstandene Bilderserie als Schilderung des mehrstufigen Absturzes sehen. Das absinkende Heck von L 20 sowie die gefährliche Nähe zu den Bergen kündigen in der Szene einerseits die bevorstehende Havarie an – und haben mir gleichzeitig die Gelegenheit gegeben, den Luftschiff-Rumpf mehrfach in unterschiedlichen attraktiven Schrägen ins Bild zu bringen. So hat das eingangs zitierte historische Bild die abschließenden Bilder dieses interessanten und lohnenden Projekts mit inspiriert.
Den Bausatz von Takom kann ich wärmstes empfehlen, ebenso aber auch, sich im www mit entsprechenden Stichwörtern wie „Zeppelin L 20“ oder „Havarie im Hafrsfjord“ die genannten historischen Bilder zu suchen.
© Modell, Bilder und Text: Roland Sachsenhofer





