Wer sich in Gefahr begibt,
wird darin umkommen!
Modell: Crusader K6
Gebaut von: Roland Sachsenhofer
Maßstab: 1/35
Verwendeter Bausatz: MikroMir (35-029)
Das Erleben hoher Geschwindigkeit ist wohl für jeden Menschen faszinierend, manche sind dieser Faszination aber gleichsam unrettbar verfallen: John Cobb (1899- 1952) muss wohl so ein Mensch gewesen sein. Er zählte schon vor dem Krieg zu den bekanntesten Rennpiloten Großbritanniens und war mehrfacher Inhaber des Weltrekords für Landgeschwindigkeiten. Von Beruf ursprünglich ein erfolgreicher Londoner Pelzhändler, finanzierte er seine teure Leidenschaft anfangs selbst.

Zu John Cobbs Rekordjagden
1938 stellte er erstmals auf den Bonneville Salt Flats (Utah) mit 563,59 km/h eine Weltrekordmarke auf, die er 1939 selbst überbot: die neue Marke von 594,97 km/h hielt bis 1947. Auch dieses Mal war es John Cobb selbst, der den Rekord brechen konnte: 1947 jagte er den legendären Railton Mobil Special (meine Empfehlung: wer das Fahrzeug nicht kennt, unbedingt ansehen!) mit 634,40 km/h Schnitt über die Messstrecke. Zeit seines Lebens sollte das nicht mehr überboten werden. Neben diesen Extremrekorden hielt er noch zahlreiche weitere Rundstreckenrekorde auf der berühmten Brooklands-Rennstrecke in Surrey, darunter den ewigen Rundenrekord von 230 km/h aus dem Jahr 1935
Während des Krieges stand John Cobb, der als persönlich bescheiden und eher medienscheu galt, als Pilot im Dienst der Royal Air Force und, ab 1943, der Air Transport Auxiliary. Im Range eines Squadron Leaders (bei der ATA als First Officer) überführte er als Ferry Pilot fabrikneue, reparierte oder beschädigte Militärflugzeuge zwischen Fabriken, Wartungseinheiten und Einsatzgeschwadern der RAF in ganz Großbritannien. Fliegerische Erfahrung auf einer großen Bandbreite an Typen besaß John Cobb somit reichlich.
Nach dem Krieg kehrte Cobb zu seiner Geschwindigkeits-Passion zurück, allerdings mit einer neuen Zielsetzung: nach den Land-Weltrekorden wollte er zum schnellsten Menschen auf dem Wasser werden! Erst im Juli 1952 war dem Amerikaner Stanley Sayers auf dem Lake Washington bei Seattle ein neuer Rekord gelungen. Er hatte sein propellergetriebenes Hydroplan Slo-Mo-Shun IV, übrigens mit dem bekannten Allison V-1710 Flugzeugtriebwerk motorisiert, auf satte 287,26 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit hochgetrieben.
Das Crusader K6 Jetboat
Zu diesem Zeitpunkt war John Cobb schon mitten in den letzten Vorbereitungen für seinen angepeilten neuen Rekord. Sein Plan: anstelle eines propellergetriebenen konventionellen Bootes sollte ihn ein mit einem leistungsfähigen militärischen Jet-Triebwerk ausgerüsteter Trimaran zum Sieg tragen. Im Jänner dieses Jahres hatten die eigentlichen Arbeiten an dem neuen Boot begonnen, nach sieben Monaten intensiver Arbeit bei der Vosper-Werft im südenglischen Gosport war die Crusader K6 getaufte Konstruktion dann ab Juli bereit für erste Schwimmtests. Diese wurden ab Ende August 1952 auf dem Loch Ness durchgeführt.
Die Crusader K6 war von zwei erfahrenen Marine-Ingenieuren, Reid Railton und Peter du Cane, entworfen worden. Letzterer war einerseits Geschäftsführer bei Vosper, führte allerdings auch die ersten Testfahrten mit dem neuen Boot aus. Von Railton dagegen stammt das visionäre Konzept der Crusader: er hatte die Idee für den Jetantrieb. Die britische Regierung stellte dafür ein Havilland Ghost Mk 48 Turbojet-Triebwerk zur Verfügung.
Die bis zu 22,24 kN Schubkraft dieser Turbine, die ansonsten in Flugzeugen wie der de Havilland DH.106 Comet oder der de Havilland DH.112 Venom verbaut wurde, sollte das 9,4 m lange und etwa drei Tonnen schwere Wassergefährt mit prognostizierter Leichtigkeit auf über 300 km/h beschleunigen. Reid Railton wie du Crane waren sich überdies sicher, dass die Crusader unter Ausnutzung aller Reserven mit bis zu 400 km/h über das Wasser gischten können würde. Ein Weltrekord mit einer derartigen Geschwindigkeitsmarke würde lange halten oder gar nicht mehr einholbar sein.
Triumph und Tod: der 29. September 1952
Schon in Gosport wie nun auch am schottischen Loch Ness, dessen langgestreckte Wasserfläche in der Nähe des bekannten Urquhart Castle als Messstrecke gewählt worden war, hatten die Testfahrten und Probeläufe äußerst vielversprechende Ergebnisse gezeitigt. So konnte das Team um John Cobbs trotz Stanley Sayers jüngsten Rekord recht zuversichtlich an die Umsetzung eines neuen Rekords herangehen.
Am 29. September 1952 herrschten die perfekten Bedingungen, um den Weltrekordversuch zu wagen. Cobb verabschiedete sich und ließ sich ins Cockpit schnallen. Die Fahrt startete östlich des Temple Pier in der Nähe von Drumnadrochit und führte dann in südwestlicher Richtung. Die eigentliche Messstrecke lag an der markanten Ruine von Urquhart Castle am Nordwestufer des Loch Ness. Hier ließ John Cobb die Crusader K6 von der Leine. Tatsächlich gelang es ihm, mit einer gemessenen Geschwindigkeit von 333 km/h über die Wasseroberfläche zu brettern – damit war er der erste Mensch, der die „magische“ 200-Meilen-Grenze, gleichsam die Schallmauer des Wassers, durchbrochen hatte!
Nur Augenblicke nach diesem Triumph schlug das Schicksal zu: gerade, als das noch immer dahinrasende Boot die Messstrecke verlassen hatte, traf der vordere Rumpfteil auf drei unerwartete, querlaufende Wellen. Möglicherweise waren diese von einem vorausfahrenden Begleitboot ausgelöst worden. Dies war tödlich. Auf den Filmaufnahmen ist zu sehen, wie der Bug untertaucht -und die Crusader binnen Sekundenbruchteilen zerplatz und förmlich in Stücke gerissen wird. John Cobb, der aus dem zerfetzten Cockpit geschleudert wurde, starb auf der Stelle.
Sein Leichnam konnte geborgen werden, die Überreste der Crusader sanken jedoch auf den in 200 Metern Tiefe liegenden Grund, wo sie sich bis heute befinden. 2002 gelang es einem Team des Loch Ness Project die Trümmerstücke zu lokalisieren, seit 2005 steht die Absturzstelle als historisches Monument unter staatlichem Schutz. Am Ufer des Loch Ness bei Drumnadrochit erinnert heute ein Gedenkstein an John Cobb und der tödlichen Rekordfahrt vom 29. September 1952.
Der offizielle Weltrekordinhaber für das schnellste Boot der Welt ist derzeit der Australier Ken Warby. Am 8. Oktober 1978 erreichte er mit seinem selbstgebauten, düsengetriebenen Boot Spirit of Australia eine Geschwindigkeit von 511,11 km/h auf dem Blowering Dam in New South Wales, Australien.
Zu Bausatz und Bauprozess
Als ich Kenntnis von MikroMirs Bausatz dieses nun wirklich exotischen Fahrzeugs bekam, war meine Freude groß: wer hätte damit gerechnet! Kurzentschlossen war MikroMirs Crusader K6 besorgt und lag auch ohne Verzögerung auf dem Werktisch.
So überraschend die Vorbildwahl war, so wenig überraschend war die herausfordernde Qualität der Bauteile: Erfahrungen mit ein paar vorangegangenen Projekten dieses Herstellers hatten mir zu einer Einschätzung verholfen, die sich dann auch schnell bewahrheiten sollte.
Die prinzipielle Auslegung des Bausatzes ist dagegen ambitioniert: blickt man in die Bauanleitung, erkennt man die Möglichkeit, eine schön detaillierte Havilland Ghost-Turbine darzustellen. Dieses wäre über abnehmbare Verkleidungen noch dazu gut einsehbar zu machen. Angesichts meiner Fähigkeiten war dieser Traum allerdings schnell ausgeträumt: die Passgenauigkeit so gut wie aller Teile zeigte sich als recht mangelhaft und die Gussqualität der Kunststoffteile machte beständiges und aufwendiges Versäubern und ausuferndes Schleifen notwendig. Zu Ende war ich dann schon froh, den Rumpf, ohne allzu viel an Zerstörung angerichtet zu haben, geschlossen zu bekommen. Diverse Oberflächenstrukturen mussten aber trotzdem neu aufgebaut werden und stammen aus meiner Ätzteil-Restekiste.
Anstelle weiterer Worte zum Bauprozess möchte ich die beigefügten Baufotos sprechen lassen: MikroMirs Vorzüge liegen für mich vor allem in der ansprechenden Auswahl, die Teile selbst stellen dagegen eine eher rudimentäre Ausgangsbasis dar und müssen mit einem gerüttelten Maß an Improvisationsgeschick aufgewertet und passend gemacht werden.
Der Anhängerwagen, auf den ich Cobb´s Jetboat gestellt habe, ist aus entsprechenden Resinteilen von Balaton Model entstanden. Der darauf befindliche Transportschlitten, auf dem der Trimaran gebettet liegt, stammt gänzlich aus meiner Hand. Sowohl Transport-Hänger wie Schlitten wurden den originalen Transportbehelfen, wie ich sie auf Originalfotos gesehen habe, so vorbildnah wie möglich nachgebaut. Authentizität im kleinen Detail wird bei diesen Requisiten allerdings nicht beansprucht.
Fazit
John Cobb´s Crusader K6 nachzubauen, war ein durchaus herausforderndes, damit aber auch sehr lehrreiches Modellbau-Abenteuer, dass ich eher den ambitionierten und ausdauernden Modellbaukollegen empfehlen möchte. Ist es jedoch einmal fertig gestellt, macht dieses Jetboat nicht nur durch sein Aussehen Freude, sondern auch durch die faszinierenden Geschichten, die mit ihm verbunden sind.
© Modell, Bilder und Text: Roland Sachsenhofer





