Der Tausendsassa
Modell: LGOC 3t Lorry B-Type
Gebaut von: Roland Sachsenhofer
Maßstab: 1/35
Verwendeter Bausatz: MiniArt (38027)
Die Geschichte, die hinter diesem kleinen und unspektakulär scheinenden Lastwagen steckt, erscheint so ungewöhnlich, dass sie einen richtig guten Aufhänger für diesen Artikel bieten sollte – noch dazu, wo ein klassischer Drei-Akter daraus werden kann! Der erste Akt bringt einen seit 1910 eingesetzten Londoner Omnibus auf die Bühne, der zweite lässt diesen als Truppentransporter und, umgebaut, als 3-Tonnen Militär-Lastkraftwagen in den Krieg ziehen, während der dritte und abschließende Akt das nun vielfach bewährte Gefährt in vielfältigem zivilen Einsatz weit in die Nachkriegsjahre hinein sieht.

Hunderte dieser umgebauten ehemaligen Militär-Kraftwagen mit ihren charakteristischen Vollgummireifen auf Stahlfelgen bevölkerten in den 10er und 20er Jahren die britischen Straßen, der hier im Modell gezeigte Londoner Kohle-Lieferwagen ist ein typisches Beispiel dafür. Wie kam es zu dieser Erfolgsgeschichte?
Frank Searle, seines Zeichens ab 1907 Chefingenieur der London General Omnibus Company (LGOC), hatte mit dem „B-Type“ ein Gefährt konstruiert, das alle Forderungen des städtischen Busunternehmens an Zuverlässigkeit, Wartungsfreundlichkeit und Leistungsfähigkeit erfüllte: auf Grundlage eines Prototypen, dem „X-Type“, hatte Searle den doppelstöckigen B-Type entworfen, der im Oktober 1910 auf den Straßen Londons debütierte.
Hintergrund für Searles Initiative bei LGOC war, die Kontrolle über Qualität, Wartung und Produktion der im Londoner öffentlichen Verkehr verwendeten Fahrzeuge in eigene Hände zu bekommen. Konsequenterweise wurde der neue Wagen daher auch in den unternehmenseigenen Werkstätten von Walthamstow gefertigt. Wegen des großen Erfolgs gliederte die LGOC ihre Fertigung im Jahr 1912 in die später weltbekannte Associated Equipment Company (AEC) aus. Durch den Erfolg von Searles Omnibus verschwanden bis 1914 die letzten Pferdewagen aus dem Busliniennetz – und das Londoner Stadtbild war fortan um ein charakteristisches Fahrzeug reicher!
Der Grundentwurf des LGOC B-Type stellte sich als derart stimmig und gelungen heraus, dass eine aus dem Doppelstock-Omnibus abgeleitete Pritschen-Version ebenfalls Furore machte. Entdeckt hatte dieses Potential das britische Militär, dass den LGOC Kraftwagen sowohl als Doppeldecker-Bus als auch mit fester Holzladefläche nutzte und ab 1914 als robusten und zuverlässigen Transporter an der Westfront einsetzte. Das führte dazu, dass nach 1918 tausende ausgemusterte Militär-Chassis von Firmen wie der AEC generalüberholt und als zivile Transporter verkauft werden konnten.
Ein gutes Beispiel für diese Nutzung von LGOC Lorrys ist der hier gezeigte Wagen. Kohlehändler wie J. Cooper & Sons besaßen Depots direkt an den großen Londoner Bahnhöfen, wo die Kohlezüge aus Wales oder dem Norden Englands eintrafen. Die Arbeiter luden die Kohle manuell in Jutesäcke und transportierten sie mit genau solchen Lastwagen zu privaten Haushalten, Fabriken oder Werkstätten in den Londoner Stadtteilen. Ein kurzer Nebengedanke: für kleinere Mengen in engen Gassen wurden vor Ort oft zusätzliche Sackkarren oder hölzerne Schubkarren genutzt, eine Szene, die ich später mit den wirklich ausgezeichneten Resin-Figuren zweier Kohleschlepper von Dynamo-Models und etwas Gerätschaft nachstellen möchte. MiniArts LGOC Coal Lorry wird dabei als szenischer Hintergrund dienen.
Ein paar kurze Angaben zur interessanten und innovativen Technik des LGOC Lorries sollen diesen Beitrag abrunden: innovativ war etwa die Rahmenkonstruktion. Diese bestand aus zähem Eschenholz, das sandwichartig zwischen zwei dünnen Stahlplatten verschraubt war. Diese Konstruktion sparte Gewicht, bot enorme Flexibilität bei Schlaglöchern und verhinderte Rahmenbrüche. Der Antrieb erfolgte durch einen Vierzylinder-Benzinmotor aus hauseigener LGOC- Produktion, der bei 5,3 Litern Hubraum 30 bis 36 PS lieferte. Die Kraft wurde über ein manuelles 3- oder 4-Gang-Getriebe an die Hinterachse geleitet. Das angetriebene hintere wie das vordere Räderpaar bestand aus massiven und äußerst robusten Stahlfelgen mit aufgezogener Vollgummi-Bereifung.
Zu Bausatz und Bauprozess
MiniArt hat es tatsächlich geschafft, mehrere LGOC B-Type Ausgaben in der im oben stehenden Text erwähnten großen Bandbreite in die Händlerregale zu bringen. Umso erfreulicher, als diese Bausätze mit den bei diesem Hersteller erwartbaren Qualitäten beeindrucken können!
Eines sei vorneweg gesagt: man sollte etwas Ausdauer mitbringen. MiniArt lässt sich tatsächlich über dutzende Bauschritte Zeit, allein nur den Rahmen des Fahrzeuges aufzubauen und diesen dann mit einer überraschenden Menge an technischen Gerätschaften zu bestücken. Mir persönlich hat auch einige Zeit gekostet, zu entscheiden, wann die einzelnen Bemalungsschritte zu setzen seien. Die ansonsten vorzügliche Bauanleitung lässt da alles offen. Dafür ist die Passgenauigkeit so gut wie aller Teile vorzüglich, versäubert oder zugerichtet muss dank eines generell sauberen Gusses nur wenig werden.
Eine Bausequenz hat mir allerdings Schwierigkeiten gemacht: die Motorverkleidung war nur schwer in Passung zu bringen. Dies bezieht sich sowohl auf die beiden fixen unteren Verkleidungen als auch auf die beiden oberen klappbaren Bleche. Hier rate ich zu besonderer Vorsicht und achtsamer Genauigkeit und auch zu mehr Geduld, als ich sie aufgebracht habe. Schlussendlich konnte ich dank der einen geöffneten Motorklappe ein ausreichend stimmiges Zusammenspiel der einzelnen Verkleidungs-Elemente erreichen, hätte ich die Motorhaube geschlossen darstellen wollen, wäre es allerdings schwierig geworden.
Zum Abschluss aber noch ein Lob: die Decals haben mir den Bau über schon Kopfzerbrechen bereitet, denn wie sollten sie auf der rauen, schrundigen Simulation einer Holzoberfläche ohne „silbern“ aufgebracht werden können? Hier kann ich aber sagen: mit etwas Decal-Fixierer und einem vorhergegangenem Überschleifen der Holzwände des Pritschenaufbaus war das Applizieren kein Problem. Selbst die großformatigsten Schiebebilder haben sich dank ihrer ausgezeichneter Qualität wunderbar mit den Oberflächenstrukturen verschmelzen lassen!
Fazit
Ich habe mir nach diesen Erfahrungen vorgenommen, alle MiniArt Bausätze des LGOC B-Types in allen verfügbaren Konfigurationen zu verwirklichen. Wer dies als deutliche Empfehlung für diesen Bausatz auffasst, liegt vollkommen richtig!
© Modell, Bilder und Text: Roland Sachsenhofer





