Russlands glückloser Jäger
Modell: Mikojan-Gurewitsch MiG 1.44
Gebaut von: Roland Sachsenhofer
Maßstab: 1/72
Verwendeter Bausatz: Zvezda (7252)
Der einzige gebaute Prototyp der MiG 1.44 sieht nicht nur optisch gut aus, er würde selbst heute noch eine technisch beeindruckende Figur abgeben. Nicht zuletzt hatte er das Potential, die in seine Entwicklung gesteckten Erwartungen zu erfüllen. Dies war vor allem der amerikanischen Neuentwicklung YF-22, der späteren F-22 „Raptor“, nicht nur Paroli bieten zu können, sondern in den wesentlichen Bereichen überlegen zu sein.

Das Konzept der MiG 1.44
Geboren wurde die Idee zur MiG 1.44 in den 1980er Jahren, als die Sowjetunion nach einem Nachfolger für MiG-29 und Su-27 suchte. Das Projekt lief unter dem Namen MFI Mehrzweck-Frontjäger, wobei das Ziel war, ein Kampfflugzeug zu erschaffen, das von Radar schwer oder gar nicht erfasst werden könnte und zudem extreme Wendigkeit aufweisen sollte. Dies hoffte man durch das Zusammenspiel von geeigneter aerodynamischer Form, den beiden großen Vorflügeln sowie einem revolutionär neuen Ansatz erreichen zu können: der Schubvektorsteuerung. Tatsächlich waren die Schubkegel der beiden geplanten Saturn AL-41F Triebwerke über volle 360 Grad beweglich gelagert, was umso bemerkenswerter ist, wenn man bedenkt, dass jene der F-22 Raptor ausschließlich in der Horizontalen schwenkbar sind.
Ein kurzer Vergleich der beiden etwa zur selben Zeit konzipierten neuen Kampfflugzeuge der 5. Generation zeigt, wie eng die Daten der Konkurrenten aus West wie Ost beieinander gelegen haben.
So war die MiG 1.44 deutlich größer, dabei aber etwas leichter als ihr amerikanischer Rivale. Das russische Design setzte konsequent auf maximale Höchstgeschwindigkeit und Wendigkeit, während die F-22 auf effektive Stealth-Eigenschaften optimiert worden ist. Die MiG 1.44 war mit 19 Metern übrigens genauso lang wie die F-22 Raptor (18,92 Meter), die Spannweite der russischen Maschine viel dagegen mit 15,00 Metern deutlich breiter als jene der F-22 aus (13,56 Meter). Die MiG hatte mit 90,5 m² um einiges mehr an Flügelfläche als die F-22 zu bieten (78,0 m²), was ihr mehr Auftrieb für extreme Flugmanöver gab. Mit dem maximalem Startgewicht wäre die MiG 1.44 rund 35.000 kg schwer gewesen, was unter den 38.000 kg einer vollgetankten und aufmunitionierten F-22 Raptor liegt.
Da der MiG 1.44 Prototyp tatsächlich nur ganze zweimal geflogen worden ist, sind die nachfolgenden Leistungsparameter nicht aus der Praxis gewonnen, sondern stellen errechnete Zielwerte dar. Nach diesen Angaben hätten sich die Leistungen der neuen Maschine in folgenden Dimensionen bewegt:
Höchstgeschwindigkeit: Mach 2,6, also ca. 2.760 km/h, Reichweite: ca. 4.000 Kilometer, Dienstgipfelhöhe: 21.500 Meter, Steigrate: ca. 330 Meter pro Sekunde. Die MiG 1.44 sollte Supercruise-Fähigkeit besitzen, wäre also zum Überschallflug ohne Nachbrenner in der Lage gewesen.
Das Triebwerk
Auch der für die MiG 1.44 geplante Antrieb in Form zweier hochmoderner Saturn/Ljulka AL-41F Mantelstromtriebwerken hätte neue Leistungsbereiche erschlossen. Die Turbinen waren wahre Leistungs-Monster: Im Trockenschub ohne Nachbrenner lieferte das Triebwerk 117 kN, als maximaler Schub mit Nachbrenner waren pro Turbine 177 kN möglich.
Zusammen erreichten beide Triebwerke fast 36 Tonnen Schubkraft, was für ein extrem hohes Kraft-zu-Gewicht-Verhältnis sorgte.
Eine kurze Entwicklungsgeschichte
Der Prototyp wurde 1994 fertig gestellt: ein denkbar ungünstiger Zeitpunkt, um ein Unsummen an Finanzmitteln verschlingendes high-end Rüstungsprojekt vorzustellen und in die Erprobung zu bringen. Kurz nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion waren die Geldmittel knapp und die politische Situation derart im Umbruch, dass die 1.44 erst einmal geheim gehalten worden ist. Ein offizielles Rollout fand erst 1999, somit Jahre später, statt. Kurz darauf, im Februar 2000, erfolgte dann der Erstflug. Zu diesem Zeitpunkt galt die Technik allerdings schon als veraltet, das Interesse an einer Weiterentwicklung zeigte sich dementsprechend schwindend, sodass nach nur einem weiteren Flug das gesamte Projekt kurzerhand gestrichen wurde. Die Bedeutung der MiG 1.44 liegt so vor allem in den in die Zukunft weisenden Erkenntnissen, die man bei der Entwicklung dieses Stealth-Kampfflugzeuges und natürlich auch bei jenen einer neuen Triebwerksgeneration hatte gewinnen können.
Russlands moderner Tarnkappenjet der 5. Generation ist heute die Sukhoi Su-57, die das Erbe des damaligen MFI-Programms (Mehrzweck-Frontjäger) angetreten hat. Die MiG 1.44 dagegen kann man heute als gut gepflegtes Ausstellungsexponat auf dem Schukowski-Flughafen in Moskau finden.
Zu Bausatz und Bauprozess
Meines Wissens sind die Bausatzformen von Zvezda aus dem Jahr 2004 die einzige Möglichkeit, um die MiG 1.44 im Maßstab 1/72 verwirklichen zu können. Öffnet man die Schachtel, erwarten den Modellbauer Teile in überschaubarer Zahl mit jenen Qualitäten, die man bei diesem Hersteller schätzt: tolle Passgenauigkeit, die einen zügigen Aufbau verspricht, ein sinnvolles Layout der Bauschritte sowie eine schöne, übersichtliche Bauanleitung. Punkten kann der Bausatz auch durch die Möglichkeit der Darstellung wirklich messerscharfer Vorder- und Hinterkanten von diversen Trag- und Ruderflächen.
Wie bei Zvezda andererseits ebenfalls zu erwarten, zeigt sich das Maß an Detailierung im eher sparsamen Bereich. Dies bezieht sich vor allem auf das Cockpit und das Innere der Fahrwerksschächte. Um diese Bereiche aufzuwerten, habe ich mir Ätzteile für ein MiG-29 Cockpit von Eduard besorgt, diese ein wenig adaptiert und eingebaut: „Geborgte“ Ätzteile kamen auch den Fahrwerksbuchten und Fahrwerksbeinen zugute. Die Bausatzteile für den Schleudersitz wurden gegen einen K-36 Schleudersitz aus Resin von Squadron ausgetauscht.
Fazit
Den Bau der MiG 1.44 werde ich als ein kurzweiliges und problemfreies Projekt in Erinnerung behalten, mit dem ich nicht nur ein unglaublich formschönes Flugzeug in die Vitrine habe bringen können, sondern auch ein paar wirklich interessante Informationen zur Geschichte des russischen Flugzeugbaues in Erfahrung gebracht habe. Vor diesem Hintergrund sei der Bausatz allen Interessierten wärmstens empfohlen!
© Modell, Bilder und Text: Roland Sachsenhofer





